Graziella

Christian Sova

Warum eigentlich Rimini? Nun, wahrscheinlich deshalb, weil man mit einundzwanzig nicht zweimal über sein Reiseziel nachdenkt. Und weil es mit einundzwanzig schon reicht, wenn einem jemand sagt, dass dort die Nacht ganz einfach zum Tag gemacht werden kann. Notfalls auch mit fremder Hilfe, falls man selbst eigentlich gar keine richtige Lust dazu hat. Deshalb also Rimini.

Etwas an diesem zweiten Abend trieb mich weg vom Trubel und hin zum Strand. War es eine ferne Stimme, die mich rief und gar aus dem Meer kam? Oder war es nur die Stille, die ich suchte nachdem das Gemisch aus Musik, fremden Stimmen, Kindergeschrei und Straßenlärm seine Spuren in meinem Kopf hinterlassen hatte? Meinen Freunden gefiel das alles und wir wollten uns später in unserem kleinen Hotel wieder treffen.

Graziella fiel mir nicht sofort auf. Wie alle anderen in der Runde saß auch sie in dem Halbkreis um den Burschen mit der Gitarre und lauschte seinem Spiel. Soweit ich das sagen konnte, beherrschte er das Instrument sehr gut. Mit scheinbar einfachen Griffen schaffte er eine wohlige Atmosphäre und ließ dabei den Wind seine Stimme tragen. Sein Englisch brachte mich manchmal zum schmunzeln, obwohl ich mich gleichzeitig fragte, wie meines wohl für diese fremden Ohren klingen würde.

Sie zog mich durch ihre rauchige Stimme und ihre spröde Aussprache in ihren Bann. Irgendwie konnte ich aus den anderen Stimmen, die den Refrain lauthals mitsangen, die Ihre klar heraushören. Ich betrachtete sie von der Seite und sah, wie sich ihr Kehlkopf beim Singen zaghaft hin und her bewegte. Das gibt es also auch in Rimini, dachte ich.

Irgendwann bemerkte sie, dass ich sie bemerkt hatte. Sie sah mich an und sang dabei weiter, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Eigentlich fand ich das beunruhigend, warum kann ich bis heute nicht sagen. Doch als sie ihren Blick wieder abwendete, fehlte er mir sogleich. Ein paar Minuten später stand sie auf und setzte sich unbeachtet von allen anderen neben mich. Dabei warf sie mir ein paar Sandkörner in mein rechtes Auge, die von ihren Fingern oder ihrer Hose stammen mussten. Die Hose saß wie eine zweite Haut an ihren Beinen.

Ich verstand sie nicht sofort. Sie hatte die Angewohnheit, die Buchstaben C und K wie ein G, und das Englische U wie ein Deutsches, auszusprechen. Zuerst dachte ich, es sei Absicht, aber offenbar konnte sie wirklich nicht anders. Zum ersten Mal gab sie mir eine Kostprobe davon, als sie mich nach meinen Befinden fragte.
„Are yu a lugy man?“, wollte sie wissen und berührte dabei mit ihren Lippen mein Ohr. Und noch bevor ich etwas antworten konnte, drehte sie sich wieder zur Seite und zeigte mir ihr Profil, das aus der Nähe dem einer römischen Göttin glich. Ich erinnere mich an einen Rettungswagen, der in diesem Moment an der Strandpromenade mit heulender Sirene vorbeiraste und sie mit seinem rotierenden Lichtern für mich zu einer unwirklichen Erscheinung machte. Sie lachte und grub mit ihren zarten nackten Füßen den kühlen Sand um, dabei stieß sie den Zigarettenrauch ihres letzten Zuges fast ein wenig wütend in den Nachthimmel.
„Oh yes, yu are a lugy man“, sagte sie schließlich.

Wir sprachen nicht viel und gaben uns der Musik hin. Graziella rauchte eine Zigarette nach der anderen, und irgendwann ergriff sie meine Hand. Obwohl der Sand zwischen unseren Fingern rieb, fühlte es sich verdammt gut an. Ich war froh darüber, dass die Musik an jener Stelle sehr laut war, als sie mir wieder sehr nahe kam.
„Do yu want to fug with me?“
Zweimal musste ich nachfragen und zum Glück verstand sie das offensichtlich als charmante Geste meinerseits.

Der Fug mit ihr war fantastisch. Doch noch schöner war, dass es nicht bei einer einmaligen Angelegenheit blieb. Ich verbrachte beinahe die ganze Woche in ihrem Hotelzimmer und war tatsächlich ein Lugy Man in Rimini. Meine Freunde betrachteten mich mit einer gewissen Skepsis. Wie und weshalb ich das aufregende Nachtleben verpassen konnte, war ihnen völlig schleierhaft. Ich spielte die Sache herunter und sie interessierten sich nicht weiter dafür.

Am letzten Abend benahm sich Graziella von Beginn an sonderbar. Sie war jemand, der die Dinge ohne Umschweife aussprach und gab mir zu verstehen, dass ihr Freund in Anmarsch war.
„He is my luver, yu understand!“, sagte sie ohne mich tatsächlich zu fragen.
In meiner Naivität wollte ich mich bereits verabschieden und trank mein Bier hastig aus. Doch anscheinend waren wir noch nicht fertig miteinander.
„Before yu leave, we have to unfug“, meinte sie mit ihrer umwerfenden Bestimmtheit.
Ich verstand natürlich gar nichts. Umso mehr war ich verwirrt, als wir noch einmal das gleiche in ihrem Hotelzimmer taten, wie in den Nächten zuvor. Danach bat sie mich zu gehen und ich verließ sie schweren Herzen, doch auch festen Schrittes.

Am nächsten Tag trieb ich mich in der Nähe ihres Hotels herum und wollte noch einmal einen Blick von ihr erhaschen. Schließlich sah ich sie, wie sie mit ihrem Luver in einen italienischen Sportwagen stieg und davon brauste. Ich war etwas schwermütig und beneidete den Mann um das, was ihn umgab. 

Heute weiß ich, dass man sich entlieben muss um wieder lieben oder neu lieben zu können. Thank yu, Graziella.