Heisenberger hört die Welt

Schmidt Harald

„45 Jahre, dunkelblondes, langes Haar, attraktiv, 164cm, weiblich gerundet, geschieden, 2 Kinder – leben nicht mehr bei mir -, Nichtraucher, Hobbys: Tanzen, Theater, Konzert, Reisen, unbekannter-weise Du, mir wichtig: „nicht alles auf die Goldwaage legen“, reagiere allergisch auf Rechthaberei, suche Mann zwischen 40 und 50, der die Freuden des Lebens mit mir teilt.“

Molly war also der Versuchung erlegen: „Suchen Sie Harmonie? Finden Sie Ihren Partner gezielt, wir haben auch für Sie treffende Auswahl nach wissenschaftlichen Kriterien. Sie werden sehen – das Glück winkt auch Ihnen!“.Es brauchte noch einiges Zureden der Freundinnen – „willst du denn dein Leben mit Kreuzworträtsel und Stricken von Babysachen gewünschter Enkel zubringen? Gönn dir doch ein bisschen Spaß!“ – und eine Flasche Sherry, dann klickte Molly auf den so viel beworbenen Link. Kokettiert, nein gelästert hatte sie über diese penetranten Partnerschaftsanzeigen schon oft. Nicht nur einmal, dass sie beim Surfen zwischen Kochrezepten und Häkelmustern – dass Molly mit dem Internet schon fast so perfekt umging wie mit dem Telefon, verdankte sie a) ihrem Sohn, der sie gegen den kleinen Gefallen einer bevorschussten Finanzierung eines Motorrades mit unerwarteter Geduld und Einfühlsamkeit mit der linken Maustaste vertraut machte und b) einer Aktion der Grünen, welche zum Weltfrauentag der Post ein Kontingent günstiger flat-rates für erstversuchende Cyberwomen schmackhaft machen konnte – also nicht nur einmal erschien beim Wählen einer hompage ein kleines Nebenfenster in dezenter Farbgebung, auf der ein vital blickender Mann in den besten Jahren sie freundlich anlächelte und zu einem Kennenlerntest einlud. Anfangs war Molly über diese pop-ups verärgert – was soll der Blödsinn – doch die Pastellfarben und das grau melierte Profil verfehlten ihre Wirkung nicht. Das geleerte Sherryglas neben sich begann Molly ein Probe-profil von sich zu erstellen, brach es jedoch nach kurzer Zeit ab. Persönliches aller Welt kund zu tun, nein, das war nicht ihr Stil und überhaupt, nach der Scheidung, welche freilich schon einige Jahre zurück lag, hatte sie von den Männern genug gehabt, was wollte sie also?Nun kam es, dass eine ihrer Freundinnen, besser gesagt, die Freundin einer Freundin, Bekannte entfernten Grades demnach, unbekümmert und geradezu glücklich von ihrem neuen Schatz erzählte, welchen sie „natürlich“ per Internet gefunden hatte. Molly mochte diese den Männern nachjagende Tusse nie leiden, sie wunderte sich vielmehr wie ihre gute Freundin so eine Bekannte haben konnte, doch das zufriedene Strahlen dieser Person und ihre Nonchalance, mit der sie den Keksteller beim Kaffeekränzchen abräumte, erzeugten eine leise Sehnsucht – das will ich auch! Molly versuchte stets gründlich und ein wenig strategisch zu denken. War die innere Entscheidung nun einmal getroffen, blieben die Mühen der Vorbereitung des Profils:Erster heikler Punkt: das Alter. Die Wahrheit angeben? Zu unerotisch, fand Molly. Schlichtweg schummeln? Die Energie dafür hob sie sich besser für komplizierte Dinge auf. Der rettende Einfall: Ziffernsturz! Also 45. Molly fühlte sich sogleich jünger. Haarfarbe: brünett a l’Oreal mit grauem Nachwuchs, schwierig. Molly stöberte in ihren Fotos – ein Bild sollte unter Umständen auch einmal … – und entdeckte eine ganz sympathische Ablichtung. Freilich war sie auf dieser wunderschönen Küstenlandschaft nur ein kleiner Stecknadelkopf, aber auf die Entfernung vermischte sich Tönung und das untergelegte Grau zu einer durchaus ansprechenden Melange: dunkelblond. Für die verlangte Selbsteinschätzung des körperlichen Erscheinungsbildes brauchte es nun diese Energie zur platten Lüge, welche bei der Altersangabe aufgespart worden war: attraktiv, punkt um. Die Körpergröße anzugeben war dann ein Leichtes und Entspannendes: Molly hatte das – wie sie fand – Idealmaß von 164cm. Leider tendierte der Hüftumfang zu ähnlichen Werten, wofür es eine Lust auf mehr weckende Formulierung zu finden galt: weiblich gerundet. Molly war stolz auf sich. Familiengeschichte war als Nächstes gefragt: geschieden. Erstmals konnte Molly das angeben, ohne einen kleinen Stich oder Krampf zu spüren. Leichte Euphorie beschlich sie. Weiters zwei Kinder, längst außer Haus, die Tochter auf einem Griechenlandurlaub hängen geblieben, der Sohn FH-Abbrecher und nun für eine Computerfirma im Außendienst arbeitend. Molly war tatsächlich allein. Doch halt! Der Ziffernsturz, fiel es Molly ein – ja, sie war gründlich und überlegte genau -, da sollte Hotel Mama eigentlich noch Saison haben. Andererseits standen besetzte Hotels deutlich weniger im Kurs als unbesetzte. „Männer kombinieren nicht“, kam es Molly in den Sinn und das Attribut „leben nicht bei mir“ war schon eingegeben. Der Fragebogen war noch nicht zu Ende, leichte Ermüdung schlich sich ein. Rauchen? Molly rauchte eigentlich nicht, nur manchmal aus Übermut im Kreis der Freundinnen. Sie hasste aber definitiv den abgestanden Geruch im Gewand. In einer Zeitschrift (war es in Woman gewesen?) hatte sie einmal gelesen, dass libidöse Frauen an Glimmstengeln so manches fänden und Männer darüber Bescheid wüssten. Also doch „Gelegenheitsraucherin“ angeben? „Gelegenheit“, hat das Wort nicht einen verführerischen Klang? Mollys Sicherheitsbedürfnis war stärker als die Libido. Nur kein Raucher im Haus! Gott sei Dank folgten leichtere Fragen: die Hobbys. Theater, Konzert, Reisen, ganz klar. Gut essen, auch ganz klar. Aber das so hinauszuposaunen? Besser indirekt vorbereiten, quasi über die Bande spielen – auf irgendeinem verflossenen Cluburlaub hatte Molly Bekanntschaft mit einem Billardtisch gemacht und musste jetzt daran denken -. Also schreib sie „tanzen“. Die meisten Männer sind keine Tänzer. Da könnte es doch ein Leichtes sein, Kribbeln in den Beinen vorzugeben, um sich bei eingestandener Unfähigkeit des Partners mit Schwabbeln im Bauch trösten zu lassen. So tatsächlich ein Tänzer des Weges kommen sollte… ein wenig Risiko war eben zu nehmen. Und dann schien es Molly wichtig, gleich eine klare Ansage zu treffen. So wenig es einfach irgendwer sein sollte und konnte, so wenig sollte und konnte es eine Beziehung nur so am Rande sein. Molly entschied sich daher, den unbekannten Auserkorenen im Voraus zum Hobby zu erklären, formuliert als „unbekannterweise Du“. Der Fragebogen wollte noch wissen, was Molly wichtig sei. Wieder fand der Sicherheitsgedanke Raum, ihre Launen wären allenfalls mit einem „nicht alles auf die Goldwaage legen“ auszuhalten. Da fügte sich die anschließende Frage nach allfälligen seelischen Allergien geradezu trefflich: Rechthaberei war als Allergikum allgemein anzuerkennen und sorgte deren tunlichste Unterlassung dafür, dass die Goldwaage stets auf der richtigen Seite stand.Mit der schon vorformulierten, abschließenden Wunschfloskel, die gewünschten Altersgrenzen waren als Platzhalter auszufüllen – wo es freilich galt, auf Linie zu bleiben (Ziffernsturz!) – konnte es schließlich losgehen. Klick, eine ein paar Sekunden stockende Internetverbindung, und am Schirm erschien eine Liste prä-sumptiver Idealpartner. Lächerlich, dachte Molly, ich will mir ja keinen Mantel kaufen, denn der gute alte Quellekatalog kam ihr in den Sinn. Zögernd klickte sie auf das Kästchen mit dem Pseudonym „Charmebolzen“. Molly überflog den Steckbrief, als eine blinkende Textmaske empfahl, umgehend Kontakt aufzunehmen. Holla, geht das schnell, und Molly tippte einige unverbindliche Zeilen: „..würde mich freuen, Sie kennen zu lernen…“ und unterschrieb: „in Erwartung Ihrer Antwort, M.“ Beruhigt und gleichzeitig aufgeweckt durch die Einfachheit der Prozedur klickte sich Molly durch alle, deren Pseudonym sie ansprach: Sofabärchen, Gourmetkavalier, Sonnenkönig, Traumbegleiter, Plüschtiger, Küstenwandler, Kulturfreund. Bei „Reitlehrer“ zögerte Molly kurz, um mit einem „warum denn nicht“ ihre message auch an ihn zu senden. Gut, dass ihr Sohn ihr auch die Funktion copy + paste beigebracht hatte. Damals hatte sie das völlig unnötig empfunden – ich wiederhole mich nicht! – jetzt fand sie es doch praktisch.Zwei Tage später erwartete Molly eine mail ihrer Tochter. Sie hatte ihr beim letzten Telefongespräch etwas von einer neuen „agapí“ erzählt und versprochen, ein Bild zu schicken. Doch war in der mailbox nun nichts von ihrer Tochter, dafür fand sie eine euphorisch gehaltene Verständigung, sie möge auf der Partnerwebsite Nachschau halten, sie habe so viele Rückmeldungen wie noch kaum jemand zuvor. „Pah, die arbeiten mit allen Tricks“, dachte Molly, doch war das Gefühl einer wenn auch nur virtuellen Wertschätzung angenehm. Auf der website fand Molly 27 neue Nachrichten. Neugierig klickte sie auf die Erste. Ein Fenster öffnete sich: es sei außerordentlich bedauerlich, aber für das Lesen empfangener Nachrichten müsse man Premium-Mitglied sein. Solches zu werden verlange lediglich eine kleine Gebühr. Molly war verärgert. Jetzt hatte sie so viel an Zeit und Energie für ihren Steckbrief und die ersten Kontaktanfragen verwendet! Eigentlich hatte sie das nur gemacht, weil die website sie mit so freundlichen Worten dazu animiert hatte. Und jetzt wollen die einfach Geld – und das gar nicht so knapp! In ihrem Kummer griff sie erst zum Sherry, dann zur Kreditkarte und tippte die Nummer ab. Eine gute Stunde später waren alle Benachrichtigungen gelesen. Molly war aufgewühlt, in ihrem Bauch wimmelte es – nicht von Schmetterlingen, eher von Maikäfern. Konnte man wirklich auf diese Weise einen Mann finden? Manche Anfragen waren so frech, gleich ein Treffen vorzuschlagen. Molly spürte einen gewissen Ernst. Halbe Sachen hatte sie in ihrem Leben schon einige. Zurück blieb jedes Mal ein schaler, wenn nicht bitterer Nachgeschmack. Diesmal sollte es anders sein. Molly schrieb an das Sofabärchen, vulgo Robert: „Hallo! Es freut mich, dass Sie sich für mich interessieren. Ich darf sagen, dass mir Ihr Profil gleichfalls sympathisch ist. Freilich kennen wir einander noch nicht. So ist es doch vernünftig, dass wir uns persönlich treffen. Wenn Sie einverstanden sind, nächsten Samstag 16h vor dem Dom. Stecken Sie sich eine Blume an, ganz nach Ihrer Wahl“ – wer rennt sonst schon mit einer Blume herum, dachte Molly dabei – „ich werde mein kleines Schwarzes tragen. Molly.“Roberts Antwort kam tags darauf: „Liebe Molly, danke für Ihren Vorschlag, ich bin einverstanden und werde mit einer angesteckten Blume – wie und welche bleiben mein Geheimnis – kommen. Es freut sich Robert.“ Molly war doch ein wenig aufgeregt. Wie lange hatte sie schon kein Rendezvous mehr gehabt. Freilich waren Erwartungen unangebracht und doch, was gab es zu verlieren? Einen Samstag Nachmittag, der sonst mit Stricken zugebracht zu werden pflegte, Babysachen, die noch lange nicht gebraucht würden (das Foto aus Griechenland war noch immer nicht gekommen)? Und zu gewinnen? „Oh Gott, will ich überhaupt gewinnen?!“ So gestimmt setzte Molly ihr kleines Schwarzes auf und trippelte zum Dom. Als sie den Domplatz erreichte, glaubte sie zu träumen und kniff sich in die Wange. Ihr entgegen strahlten 27 Blumen, welche einen Kreis um Molly bildeten: der Herr mit der gelben Rose am Jackett stellte sich als Gourmet-kavalier vor, der Kulturfreund brachte eine Gänseblümchen auf seinem Hutband mit, eine Orchidee war in den Haarzopf des Traumbegleiters gebunden, eine Papiermachenelke zierte das T-Shirt des Plüschtigers, Sonnenkönig brachte eine Sonnenblume mit, der Küstenwandler trug einen Kranz aus blühenden Jasmin- und Oleanderzweigen. Und das Sofabärchen hatte auf seiner dicken Brille zwei Mohnblumen gesteckt, welche dem Gesicht einen ganz eigenen Reiz verliehen. Eine Margarite haftete an einem aufgekrempelten Ärmel, zwei Gerbera schmückten ein Paar Birkenstock-Sandalen und einige andere Blüten, die Molly nicht kannte, begannen um sie herum zu tanzen, während ein paar Straßenmusikanten spontan einen Sirtaki intonierten. Weiteres vermochte Molly nicht mehr zu erzählen, die Trunkenheit der Sinne raubte ihr Gedächtnis. Zu Hause fand sich eine mail ihrer Partnerwebsite: „Durch einen bedauerlichen Software-Fehler wurde Ihre Antwortmail an Sofabärchen allen in Ihrer Kontaktdatenbank befindlichen Personen zugestellt. Wir hoffen, Sie hatten dadurch keine Unannehmlichkeiten.“