Die Frau ohne Eigenschaften?

Zentner Gregor

Vor dem Gewitter – wenn der grelle Tag noch einmal tief Luft holt und in bedrohlicher Stille die Tiere nieder drückt. Die Geräusche der Straße zermalmen sich zu einem dumpfen Raunen. Ein junger Vogel singt noch – sonst wartet alles.
Jetzt vor dem Gewitter versiegt die Hitze des Tages schwer in den Knochen und sucht sich ihren bebenden Rhythmus hinter müden Blicken. Das Licht kommt aus Norden. Eine Krähe wird sentimental. Was jetzt keinen Schutz findet macht sich klein. Das Klappern von Fensterflügeln. Blätter klammern sich erschrocken an Äste als eine Tür schlägt. Ein Apfel fällt ängstlich vor seiner Reife. Endlich verweht der Sturm die ängstlichen Blicke und bringt den Regen.

Sie dachte noch daran es auszusprechen und tat es nicht. „Ich möchte wieder das Gefühl haben, dass mir das Herz aufgeht und dass es so ist, weil ich spüre, dass du genauso empfindest – ohne ein Wort zu sagen“ Sie hatte sich den fragenden Blick von Ulrich mit ihrer Feigheit abgelöst und stellte ihn in den Kasten neben das Fach für Achselzucken und Kopfschütteln. Alles schien seine Ordnung zu haben – alles seinen Platz.

Als sie aus dem Haus trat – hinaus auf die nasse Straße hatte sie dieses Gefühl vom am-Beckenrand-stehen und die Zehe ins kalte Wasser halten.
Ihr Trolley ratterte über das Kopfsteinpflaster. Im Schwingen klang das rhythmisch sich abwechselnde hohe und tiefe Surren der Gummirollen wie die musikalische Untermalung gegen das graue Geräuschemus der Autos im Regen. Sie sah sich die Entgegenkommenden an und stellte sich vor wohin sie gehen mochten – erfand für jeden einen guten Platz. An der Kreuzung wartetet sie vor dem Schaufenster eines Friseurgeschäftes und musterte ihr Spiegelbild in der Scheibe. Der Trolley holperte über den Randstein. Ein Reisepass und eine Kreditkarte. Ein roter Reisepass eine silberne Kreditkarte. Stop and go. Noch drei Häuserblocks bis zum Gürtel, dann hatte sie es fast geschafft.

Elena hatte sie wie immer ins Bett gebracht, sich kurz zu ihr gelegt und gedrückt. Sie wusste nicht ob Elena oder sie selbst es mehr brauchte – diese Wärme und Geborgenheit – dieses „Ich hab Dich lieb.“ Oft freute sie sich den ganzen Tag auf diesen Augenblick und fühlte sich doch, wenn sich Elenas Hand im Einschlafen von der ihren löste einsamer als zuvor.

In der Bahnhofshalle kaufte sie sich eine Schachtel Marlboro – die Roten – und eine Zeitschrift. Beim Kaffeeautomaten einen Espresso. Über ihr klapperte die Anzeigetafel für abfahrende Züge den aktuellen Stand in gelben Lettern. Wo war ihr Zug? Venedig Bahnsteig 9 – Abfahrt 20.30 Uhr.
Sie hatte noch gut eine halbe Stunde Zeit – noch mehr Zeit. 5 Jahre und 35 Minuten bis zur Abfahrt nach Venedig.

Das Publikum am Dienstagabend in der Bahnhofshalle war eine
Mischung von abgewetzten Geschäftsmenschen und solchen, die am Bahnhof zu wohnen schienen. Manchmal waren auch ein paar Jugendliche darunter. Trendig gekleidet mit glänzenden Haaren und kreischender Musik aus ihren Handies.

Auf und ab wie ein zotteliger Pendel wog der Wischmob seine Bahn durch die Halle. Ein Streifen Sauberkeit auf den man nicht treten sollte. Rutschgefahr. Sie dachte an die Maschinen auf dem Eislaufplatz. Da war es umgekehrt. Sie liebte die Sonntagnachmittage am Dach beim Engelmann. Musik und Eis und nicht nur Kinderlachen – sogar ihr eigenes. Sie überlegte kurz wie das geklungen hatte – ihr Lachen und glaubte sich daran erinnern zu können. Sie ging am Rand des Glanzstreifens entlang. Nur ihr Trolley meanderte mit einer Rolle in den Glanz und zog einen Bogen nach dem anderen hinter ihr her.

Krug und Brunnen – bis er bricht und der Tropfen zuviel … alles klang nach Sinnspruchweisheiten. Sie hatte das Gefühl selbst zu zerbrechen – an der Gleichgültigkeit von Ulrich. Bissen für Bissen fand sie Trost. Mit jedem Bissen brach ein Stück von ihr ab und es setzte sich ein Stück Angst ein wie die Fäule in eine angeschlagene Frucht. Es gärte in ihr und sie begann sich vor den Fliegen zu fürchten – doch nun war sie vergangen – die Angst.

Am Bahnsteig.
Das Förderband, das die untere Ebene mit der Trafik und der Statue mit der Gleisebene verband spie sie aus. Der kurze Riss ihres Trolleys wie er mit seinen Gummirollen über diese kammförmige Leiste des Förderbandendes ruckelte und wieder zu ziehen begann – als wollte er sie halten. Das Sortiment des Kiosks mit dem Buffet kannte sie. Manches war ihr vom Anblick so vertraut, dass es bei näherer Betrachtung fremd zu sein schien. Mannerschnitten, Chips, Sportgummi, Wurstsemmel, Cola, Fanta, Sprite, Minnifrites… Die Verkäuferin hinter der Glasvitrine erkannte sie nicht. Tat sie nie und war auch egal.
„Ein Stifterl Wein“ Sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme und merkte, dass sie rot wurde als sie zahlte. Bahnsteig. Der Bahnsteig lag schon vor ihr. Das Hallen und die gähnenden Laute aus dem Wartebereich waren hinter dem Buffet erstickt. Sie fuhr durch eine Lacke. Der kühle Wind umstrich sie. Tauben am Bahnsteig, nasse Geleise, weiter vorne schon der Zug.

Noch Zeit für eine Zigarette. Sie setzt sich. Neben ihr ein roter Rucksack daneben zwei Menschen mit fremder Sprache. Lachen. „Inter-railer“ dachte sie – war es noch Sommer?
Interrailer nahmen gerne ihren Zug nach Venedig… der fährt über Nacht.. schaukelte stundenlang. Es musste wunderbar sein im Zug zu schlafen und beim Aufwachen in Venedig angekommen zu sein, oder früher auf zu wachen und in Udine zu sein oder in Salzburg. Das wusste sie … hatte sie sich angesehen.. schon vor Monaten. Der Nachtzug fuhr über Linz und Salzburg und bog dann irgendwo nach Süden ab. Sie nahm sich vor sich zu informieren, wo genau ihr Zug Richtung Süden abbiegen würde. Das schien ihr zum ersten Mal ganz besonders wichtig. Es änderten sich die Prioritäten. Auf ihrer Reise sollte alles so sein wie sie es wollte; das machte sie so besonders.
Beide: sie und die Reise. Diesmal hatte sie sich genau überlegt, wie das mit dem Frühstück sein sollte. Im Zug konnte man zwischen Tee und Kaffee wählen, hatte sie sich informiert und man bekam eine Semmel mit Butter. Sie hatte sich extra Eckerlkäse dazugekauft. Sie musste sich noch erkundigen ob es wirklich immer Semmeln gab. Wäre schade wenn das dann nicht passte.

Sie zündete sich eine zweite Zigarette an, schloss die Augen und genoss diesen Augenblick des Abenteuers. Es wurde ihr schwindelig. Sie war es nicht gewohnt zu rauchen. Wenn sie auf Reisen war rauchte sie – das gehörte dazu, so wie der Cowboy mit der Marlboro… das gehörte dazu. Das war von Anfang an so. Noch bevor sie das erste Mal loszog – noch bevor sie wusste, dass es Venedig sein sollte.

Der Cowboy hing immer an der blauen Pinwand ihres Arbeitsplatzes im Kundenberatungszentrum. Sie hatte ihn nicht selbst aufgehängt – der war schon da als sie dort begonnen hatte. Das Bild war schon älter gewesen. Ein Ausschnitt aus der Zigarettenwerbung einer Zeitschrift – musste schon damals älter gewesen sein – die gab doch schon ewig nicht mehr in Zeitschriften.
Als sie geheiratet hatte nahm sie das Bild ab – wäre komisch gewesen neben dem Bild von Ulrich.

Die Pinwände des Kundenberatungszentrums waren der Nachweis des Glücks.

Entweder stellten die Kolleginnen Bilder von ihrem Freund oder einem angebeteten Filmschauspieler oder Fußballer oder vom Ehemann mitsamt der betreffenden Kollegin selbst aus. Alle immer sehr glücklich. Die älteren Kolleginnen (allesamt alleinstehend) schmückten ihre Pinwände mit Sinnsprüchen aus dem Sinnspruchkalender – auch so etwas Vertrautes, das sie sich im Detail noch nie ansah. Keiner dieser Sinnsprüche hatte sie je erreicht.

Alle Frauen im Beratungszentrum waren dick. Nicht mollig – nein echt dick – sie auch und nachweislich glücklich. Der einzige Mann im Beratungszentrum war der Kollege an der Kassa. Der war nicht nur ein Mann – der war auch echt dünn. Saß den ganzen Tag mit der gelassenen Ernsthaftigkeit eines Beamten hinter der Panzerglasscheibe, als wäre diese ein Schutz vor irgendwelchen Dickmachviren. Zwei persönliche Dinge schmückten seinen Arbeitsplatz. Eine Murmel lag im Kleingeldsortierfach und das Bild eines Spanielwelpens mit dem Spruch: „Wir müssen nicht die selbe Sprache sprechen, um einander zu verstehen.“ Hing an einem Haken. Es kam ihr bemerkenswert vor, dass sie diesen Spruch gelesen hatte. Vielleicht weil er nicht an einer Pinwand gehangen hatte – keine Pinwand im Kassabereich.

Als sie die Augen öffnete waren die Interrailer nicht mehr neben ihr. Es regnete jetzt stärker schien ihr. Sie schaute zur Wartehalle zurück. Ihre Fußspuren und die parallelen Rollenspuren ihres Trolleys waren aufgetrocknet.
Chris Lohner machte eine Durchsage. Die roten Abschlussleuchten des Zuges verwuschen in Nacht und Regen.
Der Weg zurück schien ihr weiter als zuletzt. Jedes Mal ein wenig weiter, bis er einmal zu weit sein würde.

Morgen Frühstück mit Eckerlkäse.