Vorwort

von Horst Christoph

eigentlich wollte ich heute gar nicht hier sein, sondern hunderte kilometer weit weg vom waldviertel, dort, wo jetzt die ersten nordlichter den nächtlichen himmel mit allen farben des spektrums ­erleuchten. die von meinem schwiegersohn geschossenen schneehühner sollten gerupft werden, das kapitale stück lachs – traditionales begrüßungsgeschenk meines schwiegervaters – würde am grill brutzeln. die ­kleine ylfa würde sich abwechselnd mit mir, ihrem opa, und yaki, dem labrador balgen, und wir alle würden darauf warten, dass das wasser im hotpot seine wohligen vierzig grad celsius ­erreichte.

aber es kam anders. der familienrat hatte beschlossen, dass heuer in island weihnachten gefeiert werden sollte, und so kann ich heute, wie in den letzten zehn jahren, beim krachmann-wochenende hier sein. und, ehrlich gesagt, so ganz unwillkommen ist mir das ja auch wieder nicht. ein wenig – oder vielleicht sogar sehr – neugierig war ich natürlich, wie eine krachmannpreis-jury ohne meine mitwirkung funktionieren könnte.

das vorspiel war einigermaßen gewohnt. reinhard mechtler holte mich bei der u4 in ober- oder ist es unter-st.veit (stefan loicht und ich werden uns das nie merken) ab. aber halt, etwas war anders. wir mussten nicht minutenlang auf unseren zweiten mitfahrer warten, denn stefan wurst hatte es sich nicht nehmen lassen, seine jury-­entdeckung, den bürokaufmann und „freien“ schriftsteller stephan eibel erzberg persönlich ins waldviertel zu kutschieren.

dort angekommen schwelgte ich in neuer freiheit. Inmitten herrlichstem herbstbunt stand ich, ein bier in der hand, vor dem glosenden grillfeuer und betrachtete mit wachsender vorfreude die darauf ­knuspernden fleischstücke. meine wirkliche lust galt aber dem tisch hinter mir. dort saß, hinter dem berg der zu spät abgelieferten ­manuskripte mein nachfolger, stephan eibel, genannt erzberg.

doch der abend hatte erst begonnen. jetzt, in der warmen stube, zurückgelehnt zwischen den lesenden, die nun des urteils einer neuen jury harrten, begann ich, um meine eigene jury zu bangen. wie ­würde sie dem vergleich mit den neuen schiedsrichtern standhalten. hoffnung, die dann auch nicht enttäuscht wurde, durfte ich in elmar schübl setzen, der die neuen in bewährte bahnen lenken sollte. ­länger als in den vergangenen jahren dauerte die beratung der jury, die meine beobachtung aus der ungewohnten couch-potatoe-position abwechselnd zu zweifel und hoffnung verführte.

und dann die erlösung. der krachmannpreis ist vital und voll der überraschungen, wie eh und je. ad multos annos, wie wir waldviertler so schön sagen.